Leseprobe „Im Schatten der Korkeichen“

Prolog

Wuppertal-Elberfeld, Februar.

Regen, Nebel, Kälte – es war, als hielte die Stadt den Atem an. Zwischen flackernden Laternen schob sich Nebel durch die Gassen, lautlos, geduldig, wie ein Tier auf der Lauer. Ein metallisches Quietschen zerschnitt die Stille – die Schwebebahn über der Wupper. Dann hörte man wieder nur Regen, der gegen Scheiben schlug und den Asphalt in silberne Schlieren verwandelte.

Im dritten Stock eines alten Hauses flackerte Licht hinter schmutzigen Gardinen. Der Raum roch süßlich nach Schweiß und Drogen. Auf dem Bett lag ein junger Mann, grau, still. Die Augen halb geöffnet, die Lippen blass. Neben der Spritze lag ein silbernes Päckchen. Kein Wort darauf – nur ein hellblaues V.

22:13 Uhr – Spurensicherung. Schutzanzüge, Taschenlampen, Stille. Einer der Jüngeren blickte zu Boden, als die Leiche abtransportiert wurde. Später im Bericht: Heroin, Reinheit über neunzig Prozent. Pures Laborprodukt.

Zwei Nächte zuvor eine Siebzehnjährige im Luisenviertel – dasselbe Bild. Am Wochenende davor in einem Waschkeller in Barmen. Dieselbe Verpackung, dasselbe V. Drei Tote, ein Muster – und keine echten Hinweise. Tage später, Verhörraum des Präsidiums.
Stickige Luft, eine flackernde Lampe über dem Tisch. Ein Dealer aus Elberfeld saß auf einem grauen Stuhl, Hände gefaltet, Blick starr auf die Tischkante. Der Beamte schwieg, ließ die Stille arbeiten. Er wusste, dass der nächste Satz alles ändern würde.
Der Dealer hob den Kopf, lächelte schief –
„Ich krieg’s vom Portugiesen.“

Kapitel 6 – Tiefer Grund

Bonny Island, Nigeria – Atlantic Sterling Hotel, Zimmer 113

Der Hotelmanager stand im Flur und lauschte. Hinter Tür 113 kein Laut – nur das ferne Surren der Generatoren. Zwei Zimmermädchen warteten einige Meter entfernt, die Hände an den Schürzen. Niemand wollte hineingehen.

Der Manager schluckte, als Detective Bassey aus dem Aufzug trat.
„Er reagiert nicht“, flüsterte er.
„Dann öffnen Sie“, sagte Bassey.

Das Schloss klickte. Ein Schwall abgestandener Klimaanlagenluft – süßlich, metallisch.
Der Körper lag seitlich zwischen Bett und Schreibtisch, Hände verkrampft, Gesicht auf dem Laminat. Kein Blut, keine Waffe, kein Kampf. Nur Stille, die etwas verbarg.

Auf dem Nachttisch: ein Löffel, eine Kanüle, ein silbernes Päckchen – hellblaues V.
Bassey beugte sich, sah den Stoff, die Linien des Etiketts.
„Vielleicht Drogen“, murmelte er. „Aber das hier … sieht anders aus.“

Neben dem Schrank: eine schwarze Taucherbox.
Er öffnete sie – und selbst der Manager sog scharf die Luft ein.
Rebreather SE7EN. Santi-Anzug. Tauchcomputer Shearwater.
Alles teuer und makellos, als käme es gerade aus dem Werk.

„Das bezahlt man hier nicht mit Fisch“, sagte Bassey leise.

Im Abfallkorb: eine zerschnittene Plastikkarte, Batterien, ein zerknitterter Zettel mit Koordinaten – handschriftlich, keine Ortsangabe. Vielleicht irgendwo im Golf von Guinea.

Bassey machte Fotos, dann trat er ans Fenster. Draußen flackerte das Licht über den Mangroven, Generatoren brummten, irgendwo bellte ein Hund.
Ein Schatten im Gang? Vielleicht. Oder nur der Wind aus der Klimaanlage.

Am frühen Morgen meldete sich die deutsche Botschaft in Abuja. Der Tote hieß Sascha Gremmel, 31, Deutscher aus Potsdam. Ersatzpass, angeblich Techniker am LNG-Terminal Bonny Island. Doch auf keiner Liste stand sein Name. Das Subunternehmen existierte nicht.

Der Bericht ging über das Auswärtige Amt ans BKA – Referat Internationale Schwerkriminalität.
Dietrich bekam ihn um 07:15 auf den Tisch.
Drei Fotos: Leiche, Nachttisch, silbernes Päckchen. Dasselbe V.

Er starrte auf den Bildschirm. Vidro.
Der Portugiese war wieder da – nur diesmal auf einem anderen Kontinent.
Er legte das Blatt ab, atmete flach. Er wusste, jetzt begann es richtig.

BKA-Leitungsbesprechung, Bonn

„Nigeria also“, sagte der Referatsleiter und legte die Brille ab.
„Das Auswärtige Amt will eine Einschätzung zu Zusammenhängen, keine Schlagzeilen.“
Dietrich nickte. „Dann sollten wir sie liefern, bevor andere es tun.“
„Die nigerianische Polizei ist nicht immer berechenbar, das Terrain schwierig. Wenn Sie fahren, dann als Verbindungsmann – offiziell zur Lageeinschätzung. Kein Einsatz, kein Zugriff.“
„Verstanden.“
„Und Sie wissen, was das heißt?“
„Dass ich vor Ort improvisiere, wenn’s anders kommt.“
Der Referatsleiter atmete hörbar aus. „Genau das habe ich befürchtet. Trotzdem – fliegen Sie.“

Telefonat mit Bassey

„Detective Bassey, hier Dietrich vom BKA. Ich habe Ihre Berichte gelesen. Können wir offen reden?“
Kurze Pause.
„Nicht über diese Leitung“, sagte Bassey.
Dietrich zögerte. „Ich erwäge, kurzfristig nach Nigeria zu kommen.“
Ein leises Ausatmen am anderen Ende.
„Dann reden wir, wenn Sie hier sind – unter vier Augen und Ohren.“

Zwei Tage später – Port Harcourt

Hitze, Staub, Diesel. Die Luft schmeckte nach verbranntem Plastik.
Bassey wartete am Terminal, ohne Uniform. Jeans, helles Hemd, schweres Telefon.
„Willkommen in Nigeria, Herr Dietrich.“
„Vielen Dank, Herr Bassey. Sind wir schnell auf Bonny Island?“
„Ohne Sightseeing und Staus auf der neuen Straße etwa zwei Stunden.“

Der Mitsubishi 4×4 rüttelte über Löcher, zwischen Tanklastern und Straßenhändlern hindurch. Die Straße war besser als ihr Ruf – diesmal.

Bassey reichte Dietrich einen Ausdruck.
„Mai 2022. Brasilianer, Taucher, tot am LNG-Terminal. 54 Kilo Heroin. Am Rumpf eines Frachters.“
Dietrich las, die Finger auf dem Papier. „Rebreather?“
„Ja. Wie Gremmel.“
Er zeigte ein Foto – ein rostiger Zylinder, zwei Meter lang, mit Spanngurten.
„Sie nennen es Torpedo. Befestigt am Schiffsrumpf. Unsichtbar. Wenn etwas schiefläuft, sinkt nur der Taucher.“

Der Mitsubishi sprang über eine Welle, Dietrich hielt sich fest.
„Und Sie denken?“
Bassey sah ihn an. „Ich denke, Gremmel hat nichts repariert. Er hat angebracht.“

Am Horizont tauchte Bonny Island auf – Rohre, Tanks, Stahlgerippe im Dunst.
Nichts an diesem Ort sah harmlos aus.
Und doch wusste er: Genau hier würde die nächste Spur beginnen.

Korkeichenschatten
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